Briefwisseling Menno ter Braak - Else Geissel-Schulz

Else Geissel-Schulz
aan
Menno ter Braak

Berlijn, 13 november 1930

Berlin, den 13.XI.30.

Lieber Menno,

Nun wird es aber wirklich die höchste Zeit, daβ ich Dir antworte. Zunächst danke ich Dir herzlich für Deine Glückwünsche zu meinem Geburtstage. Ich habe [m]ich wirklich sehr zu Deinem Brief und Gedenken für diesen Tag gefreut. Hoffentlich gehen Deine guten Wünsche in Erfüllung und das neue Jahr bringt bessere Zeiten.

Wie unsere Wirtschaftslage in Deutschland ist, ersiehst Du wohl aus den Zeitungen. Wenn man nur wüβte, wann endlich diese Not ein Ende hat. So schlimme Zeiten hatten wir doch noch nie. Und wenn es auch Millionen von Menschen slecht geht so ist es doch kein Trost. Mein Geschäft möchte ich am liebsten verkaufen, ich fürchte nämlich, es wird noch slechter, und dann sitze ich ganz fest. Aber erstens verkauft es sich jetzt sehr schwer, da niemand Geld und Mut hat und zweitens weiβ ich auch nicht, was dann anfangen. Und irgend etwas muβ ich mich zuverdienen. Das erfordern unsere Finanzen. Da ist nun guter Rat teuer. Aber es heiβt eben abwarten und aushalten.

Nun wollen wir uns erst mal über Deinen Besuch unterhalten. Wir hoffen alle ganz bestimmt auf Dein Kommen und selbstverständlich kannst und muβt Du bei uns wohnen. Vorausgesetzt, daβ Du mit unserem Bohèmdasein zufrieden bist. Du weiβt ja, wie sich unser Leben abspielt und wir mehr im Laden als zu Hause sind. Gerdel kommt um 5 und Hilde um ½ 6 nach Hause. Aber durch die Feiertage haben wir ja mehr freie Tage. Du bist mir also herzlich wilkommen, schreibe doch bitte mal, wann Du zu kommen denkst und bis wann ungefähr. Ende Januar haben nämlich meine Schwiegereltern goldene Hochzeit und von da sollen wir alle nach Pirna kommen. Das wird natürlich nicht gehen, aber zwei von uns werden wohl doch fahren. Ich möchte nur ein Bissel Bescheid wissen und danach disponieren.

Deine Antwort betreffs Gerdel habe ich mit groβem Interesse gelesen. Ich bin sehr Deiner Meinung und werde auch über diesen Punkt noch mündlich mit Dir plaudern. Gerdel war ja noch sehr jung als sie sich für den Mann entschied, bestimmt hat sie ihn sehr gern, aber ich zweifle doch sehr ob sie heut noch genau so denkt. Junger Wein will gären und so ist es auch bei Gerda. Mit der Zeit sieht sie doch wohl vieles in anderem Lichte, aber ich stehe auf dem Standpunkte, daβ jede Beeinflussung schädlich ist, sie muβ selbst durch Erfahrung wissend und reif werden. Doch das Thema ist so vielseitig, daβ ich lieber mündlich davon reden möchte. Erwähne auch Du bitte nichts in Deinem nächsten Brief davon.

Nun muβ ich schlieβen. Habe allerlei zu tun. Gib bald Bescheid und sei herzlich gegrüβt

von Deiner alten

Else

 

Viele Grüsse auch an Truida von uns dreien

 

Origineel: particuliere collectie

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