Samuel Lewin
aan
Menno ter Braak

Wenen, 1 maart 1935

Wien, den 1.3.35

 

Lieber Herr ter Braak!

Gestern ist es eine Woche, dass ich nach Wien kam. Aus Polen entfloh ich wie aus einer Hölle. Doch weiss ich nicht, wie lange mir die österreichischen Behörden erlauben werden, hier zu bleiben; ich glaube, nicht sehr lange. Das wird sich sicher bald zeigen.

Ihren Brief vom 19.2. mit den 20 Fl. haben wir erhalten. Nun, Sie wollen doch nicht, dass ich Ihnen für etwas, was Sie persönliches Interesse in der Freundschaft nennen, danke; so folge ich Ihnen, denn darin stimme ich mit Ihnen überein. Für mich ist nur das Eine traurig, dass ich Ihnen mit nichts einen Dienst erweisen kann, was auch bei mir, wie bei Ihnen, ein persönliches Interesse in der Freundschaft wäre. Noch trauriger ist es für mich, dass ich nicht einmal mehr die Hoffnung habe, meinen Freunden jemals etwas bieten zu können. Sie haben vollständig recht: ich bin an der Grenze meines Schicksals angelangt, das gewissermassen absurd, weil fatal ist. Nein, ich habe keine Heimat für mein geistiges Schaffen. Doch nicht allein dadurch ist mein Schicksal tragisch, sondern weil sich die ganze Tragödie meines Volkes in mir verkörpert, sein tragisches Schicksal ist das Meine. Möglich, dass deshalb mein Volk die Tore vor mir schliesst und von mir nichts wissen will. Die Welt aber, je mehr sie sich gegen das Judentum sträubt, umso heftiger ist ihre Antipathie gegen mein geistiges Schaffen. Auf diese Weise habe ich doppelt und dreifach zu leiden: weil ich die europäische Kunstform angenommen habe, bin ich meinem Volke fremd geworden, und weil ich in diese Form den Inhalt meines Volkes hineingoss, bin ich für Europa ein Fremder. Ein Ereignis, das mit dem Juden aus Bethlehem in Palästina begann und schon 1935 Jahre dauert und sich mikrokosmisch in Samuel Lewin aus Konska-Wola in Polen widerspiegelt. Ich hoffte, dass vielleicht Holland das Land sein würde, in dem ich, ein aus Deutschland Verjagter, mich aus dem Hexenbann retten würde. Ist es doch einer Anzahl spanischer Juden im 16. Jahrhundert und jenem einem Grossen im 17. Jahrhundert, der aus einem Verfluchten ein Gesegneter wurde, in Holland gelungen. Doch sind nicht alle Zeiten gleich, und ich bin auch kein Spinoza. Aber es ist möglich, ja vielleicht sicher, dass, wenn ich ein Spinoza wäre, ich ein noch schlimmeres Schicksal hätte. Ja, ich hoffte, dass gerade meine Kunst dem Holländer liegen würde, besonders der Roman ‘Zeitwende’ (1926 in Deutscher Sprache gedruckt) und noch mehr das Drama ‘Reb Moischel’, das Sie schätzen. Ich bleibe bei meiner Meinung, dass das holländische und das ostjüdische Volk sowohl im Geistigen als auch im Psychischen viel Gemeinsames haben. Daher die Ahnlichkeit im Bau und in der Lyrik dieser beiden Sprachen.

Mit der meinung Ihres Freundes Dr. Vestdijk bin ihn nicht einverstanden, und Sie, lieber Herr ter Braak haben in Ihrem Urteil über meine Novelle gewiss eher recht. Nicht, weil Ihre Meinung für mich persönlich günstiger ist; ihr Freund hat wahrscheinlich Ihr Buch ‘Politicus’ nicht gelesen oder schlecht verstanden. Denn was meint er damit, die Erzählung sei nicht gelungen? Glaubt er vielleicht, dass sie nicht den wissenschaftlichen Gesetzen, den alten oder den neuen, geschrieben ist? Nun, das wäre einfach lächerlich. In der Kunst gibt es nur das eine Gesetz: die Wirkung. Und das ist ja ganz individuell. Auf Herr Dr. Vestdijk hat meine Erzählung ‘Ausgehöhlt’ einfach nicht gewirkt. Und wie kann er annehmen, dass ich besser spreche als schreibe? Er hat ja von mir nur eine kleine Erzählung gelesen, und Sie, Herr ter Braak haben sich wohl davon überzeugen können, das ich gerade im Gespräch unbeholfen bin, deshalb auch keine Vorträge halten kann. Dass ich aber in meinem Roman, den Sie nur teilweise gelesen haben, in meinem Gesprächston zurückgeblieven bin, verstehe ich nicht und wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir das näher erklären könnten. Ihren Einfall, meine Erzählung der ‘Sammlung’ zuzuschicken, halte ich für sehr gut. Aber auch wegen des Dramas ‘Reb Moischel’ und der ‘Chassidischen Legende’, die Ihre Frau übersetzte, gebe ich meine Hoffnung noch nicht ganz auf. Haben Sie von dem Regisseur inzwischen Bescheid bekommen? Hat er das Drama gelesen? Ich denke dass Jo Spier von seiner Indienreise inzwischen nach Holland zurückgekehrt sein wird. Doch weiss ich nicht, ob ich mich von hier aus an ihn schriftich wenden soll oder ob es nicht besser wäre, wenn Sie das täten. Ich bin davon überzeugt, dass mein Schicksal sich ändern würde, wenn mein Drama in Holland zur Aufführung gelangen könnte.

Nur aber genug über mich, ich nehem schon zu viel Raum ein. Wie geht es Ihnen und Ihrer Frau? Hoffentlich ist sie schon ganz gesund und geniesst alles Schöne, das das Leben ihr bietet. Ihre Komödie interessiert uns beide sehr, und wir möchten sie schon gern lesen. Wir wünschen sehr, dass sie aufgeführt wird. Ihr zweiter Aufsatz im N.T.B. gefiel mir genau so gut wie der erste, weil darin jeder Gedanke wahrhaft und jede Beweisführung gegen Marcuse und Andermann unwiderleglich ist. Ein Freund von mir in Warschau hat in der jiddischen Presse die ganze Sache interpretiert, so ist Ihr Name in Polen nicht mehr unbekannt. Ich bin jetzt noch überzeugter davon, dass es sehr schade ist, dass Sie auf einem so beschränkten Wirkungsfeld bleiben, wie die holländische Sprache ist.

Für Ihre Einladung danken wir Ihnen innigst. Aber wir wollen hoffen, dass unsere Lage sich vielleicht doch ändern wird, vielleicht doch; vielleicht wird mein Drama Ihrem Freunde, dem Regisseur in Amsterdam gefallen, und meine (resp. unsere) Reise nach Holland würde dann anders ausfallen. Man sehnt sich ja danach, endlich auf eigenen Füssen stehen zu können.

Meine Frau lässt Sie bitten, ihr doch bald die abgeänderten Kapitel Ihres ‘Politicus’ zuzusenden, weil sie diese in nicht zu langer Zeit brauchen wird.

Ich bin jetzt dabei, meine Eindrücke in Polen auszuarbeiten. Sie werden für ‘mein Vaterland’ nicht schmeichelhaft sein. Wenn Sie gestatten, werde ich sie Ihnen in deutscher Sprache zuschicken; es wäre für mich eine grosse Genugtung, wenn sie im ‘Vaterland’ oder einer anderen Zeitung oder Zeitschrift abgedruckt werden könnten.

Die herzlichsten Grüsse Ihnen und Ihrer Frau von uns beiden.

Ihr S. Lewin

 

P.S. Ist aus den photogr. Aufnahmen etwas geworden?

 

Origineel: Den Haag, Letterkundig Museum

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