Gertrud Schilf
aan
Menno ter Braak

Berlijn, 6 april 1931

Steglitz. 6. 4. 1931.

 

Sehr geehrter Herr ter Braak,

als ich von Ihrer Verlobung mit Gerda erfuhr, war mein erster Gedanke: Sie werden sie auch heiraten, Sie würden es nicht wagen, dieses junge Kind mit seinen 18 Jahren zu kränken, ihm Kummer zu bereiten. Sie haben es doch getan. Aus Ihrem letzten Brief, den ich gelesen habe, ist mir wohl ein Verständnis für Ihre Handlungsweise und für Sie aufgegangen. Gerda überhaupt nur auszudeuten dass für sie das, was sie sich wünschte, verloren ist, habe ich nicht übers Herz gebracht.

Dieses zärtliche, liebevolle Herz in seiner Jugend war bereit, alles für Sie zu tun, sich Ihnen volkommen anzupassen, um nur bei Ihrem leben zu können. Desbhalb kann es jetzt auch nicht begreifen, dass seine Gabe zurückgewiesen wird. Seit Ihrer Kindheid waren Sie und Ihre Familie Gerda's liebstes. Sie verkörperten ihr ein schöneres Leben, als ihr daheim geboten werden konnte. Durch die Verlobung mit ihr haben Sie ihr ganze Neigung und das ganze Bewustsein all dieser Dinge wach gemacht. Selbst ist Gerda ein Bild des Jammers und mir tut das Herz davon weh.

Und Else - eine Frau, die in Ihr Leben sehr viel Unglück gehabt hat, an Ihrem Lieblingskinde muss sie durch Sie ein neues erfahren. Ich bilde mir nicht ein, auf Sie irgend einen Einfluss ausüben zu können, aber hören lassen wolle ich Sie, was ein Dritter von dem [sieht?], was Sie ausgerichtet haben. Ihnen werden Ihre Wächstum helfen mit ihrem Verständnis und sich schützend vor Sie und Ihre Selbstvorwürfe stellen. Wo Else und Gerda leben, das wissen Sie ja. Beide sind weit fort von Ihnen, deshalb schreibe ich. Ich hoffe, Gerda wird überwinden, trotzdem es bis jetzt noch nicht so aussieht. Gestern wollte [sie] sich umbringen. Das Mittel das ihr zur Verfügung stand war glücklicherweise zu schwach. - Ich bin mir auch bewusst, das Sie wegen dieses Briefes unvorteilhafte Gedanken über mich haben werden, aber ich könnte sehr viel davon ertragen, wenn ich damit das in meiner Erinnerung auslöschen könnte, was ich bei Else und Gerda ansehen muste.

Nur im Gedanken daran, dass auch das Mass Ihres Leidens nicht klein sein muss, bin ich imstande dieser brief mit einem Gruss an Sie zu beenden.

Gertrud Schilf

 

Origineel: particuliere collectie

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