Carl Wehmer
aan
Menno ter Braak

Berlijn, 15 juni 1928

Berlin, 15.XI.28

 

Lieber Herr ter Braak!

Im Kürze möchte ich noch einige Bemerkungen zu Ihrer Arbeit folgen lassen, wenn ich auch fürchten muss, Ihnen nichts neues damit zu sagen. Ihre Arbeit hat mich sehr interessiert, sowohl wegen des Gegenstands, der ja - vielleicht besonderes heute und in unseres jüngeren Generation - auf den mittelalterlich Historiker eine magische [onleesbaar]kraft ausubt, wie wegen der Art Ihrer Auffassung. Trotzdem muss ich sagen, dass der Historiker sich bei Behandlung dieses Themas stets in einer gewissen Verlegenheit befinden wird, denn er wird sich in der Hauptsache auf Deutung und Würdigung der Ideen und Strebungen dieses Menschen, ‘beschränken’ müssen - Sie haben das in vorbildlicher Weise getan, indem Sie das Weltliche dieser Menschen als ‘augustinisch’ interpretierten, wobei Sie allerdings augustinisch stets in Anführungsteilen hatten sehen müssen, denn es handelt sich ja nur um das ‘Augustianische’, das in dieser Form specifisch in Gerbert und des (wieweit Otto noch zu nennen wäre, zwischen die ja auch in Zweifel lassen) wirksam ist, und bei den Beiden wohl auch [onleesbaar] unterscheidlich. Nun aber besteht für den Historiker hier ein Dilemma, ich möchte es ein Hilfsverhältnis zwischen historischer Idee und historischer ‘Oraterie’ nennen; denn es muss [onleesbaar] ihnen versagt bleiben, die Auseinandersetzung dieses ottonischen Programms und Elementen und Spanningen, in einem grossen Gemälde gewissermassen auszubreiten. Es besteht da meines [onleesbaar] , [onleesbaar] bestehen ein [onleesbaar] verhältnis zwischen historischem Interesse und der Möglichheit einer historischen Darstellung. Das ‘Historische’ (im Rankeschen Sinne) vermag sich nicht zu kristallisieren, es hebt alles ‘in der Luft’. Grund: Quellen armut, der frühe Tod Ottos. Oder liegt nicht etwas von Fatum in diesem frühen Tod, gewissermassen - ein Urteil der Geschichte? - Dafür licht der Stoff dem Historiker etwas anderes, und diese Möglichheit haben Sie in [onleesbaar] - und beherzigenswertes Weise ausgenützt: die Möglichkeit der Kritik an der historischen Urteilsbildung. Hierin suche ich den Wert Ihres Bemühens. Es darf nicht erlaubt sein, in den heiligen Bezirk historischer Überlieferung leichtfestig Deutungen und Werturteile unserer Zeit hineinzutragen, jedenfalls sollte man [stets] demütig bemüht sein, es zu unterfassen. -

Erlauben Sie nun noch einigen kleinere Bemerkungen: die neuen Literatur hätten Sie vielleicht noch etwas energischer heransichten können. Augenblicklich scheint auch im Deutschland trotz unserer ‘Nationalstaatlichen Befangenheit’ sich eine ‘Umwertung’ Ottos III durchzusehen. Interessant wäre mir ein Auseinandersetzung z.B. mit Fedor Schneider gewesen (Rom und Rom gedanke, pg. 197 ff.) Er würde Ihre Übersetzung der Satzen: ‘ut propagetur potentia populi Romani et restituatus res publica.’ z.Bsp. wohl bestreiten. Mir scheint Ihre Deutung jedenfalls zweifelhaft. Sie suchen im organischen Verbundenheit der ‘augustinischen’ Idee und der alten Rom idee und Kaiseridee als ohne weiteres selbstverständlich annehmen zu dürfen. Ich will hier natürlich nicht ‘Welt’ und ‘Kirche’ trennen, glaube aber trotzdem, dass sich in den jungen Otto Ideenkreis verschiedener [onleesbaar] getroffen haben können und dass man z.Bsp. Gerbert und Leo auch weiter auseinander rücken darf, als Sie es tun. Will man alle diese Spannungen in eine einheitliche Idee (‘Ecclesia’) abstrahieren, so verdampft zu leicht das eigenlich ‘historische’. Ich leugne die Existenz dieser Idee damit nicht im geringsten, natürlich ‘ist die Anschauung die Denkgrenze der Politik’ aber sicherhalb dieser ‘Denkgrenze’ vollzieht sich auch so allerhand, was nicht unbedingt einheitlich zu sein braucht, im Gegenteil. ‘Res publica’ braucht nicht im geringsten ‘gleich’ ‘civitas dei’ zu sein und Arnold v. [onleesbaar] ist da kein Gegenbeweis. Ich halte es für unglücklich, da nur von ‘oberflächlichen Stilvariationen’ zu sprechen. Darum besteht schliesslich die ganze Geschichte mir aus ‘Oberflächlichen Stilvariationen’. Dass die Zeitgenossen nicht durchweg mit Otto III einverstanden waren, ist eine Tatsache, die sich nicht aus der Welt schaffen lässt. Sie bemühen sich, die Kategorieen, nach denen [onleesbaar] etc. urteilen, zu erhellen sind stellen auch Recht fest, dass Sie wesentlich anders geartet sind, als die Kategorien, nach denen die Historiker unserer Zeit urteilen. Damit ist aber doch noch nichts ausgesagt über die tiefere Gründe, die Tichtmar und Brun und Bernward zu ihren Unbehagen veranlassten, sondern die Kategorien [onleesbaar] uns die zeitbedingten Formen, in die sich ihr Unbehagen kleidet. Wir sind uns doch wohl darin einig, dass das Verständnis dieses zeitgenossen Kategorien (man nenne Sie ‘augustianisch’, oder wie immer man will) nur die Vorbedingung einer eigentlich historischen Interpretation darstellt, deren Ableitung aus einer einheitlich gegebenen Ausschauung ich für nich zwingend in dem ‘historischen’ widersprechend halte.

Interessant und plausibel erscheint mir Ihre Deutung der Ablehnung des Constitutum Constantini durch Otto III. Percy E. Schramm hat Histor. Zeitschrift 129, 1924, pg. 469 ff. bereits die Ansicht vertreten, dass sich diese Ablehnung gegen Bycanz richte, das Constitutum die ‘urbs regia’ nach Bycanz verlege. Gern citiert gesehen hätte ich Gerhard Laehr, Die konstantinische Schenkung in der abendländischen Literatur des Mittelalters bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts, Historische Studien Heft 166, Berlin 1926. Er beschäftigt sich in Beilage 2 auch kurz mit Do. III 389. Eine neue Arbeit über Gerbert ist die von Fritz Eichengrün, Gerbert als Persönlichkeit, Beitrage zur Kulturgeschichten des Mittelalters 35, 1928. Im übrigen werden wohl nun in Kürze, die Untersuchungen Schramms über Otto III. zu erwarten sein. Jedenfalls [onleesbaar] sich [onleesbaar] gegen die von Halles vertretene, ziemlich flache [onleesbaar] über Otto III. in einer Kritik mit folgenden Worten: ‘über Otto III. wird sich auch in Kürze Treffenderes und Lebendigeres sagen lassen, wenn die erst zum geringen Teil gedruckten Studien von P.E. Schramm vollständig veröffentlicht sein werden.’ (Hist. Zeitschr. 138, pg. iio) Vielleicht schicken Sie Schramm (Heidelberg) ein Exemplar Ihrer Arbeit? - Im übrigen habe ich Einiges auch am [onleesbaar] Ihrer Arbeit verwertet (z.B. zu den [onleesbaar]). Anderes weniges wichtiges habe ich wieder gebilgt, denn ich möchte bei Ihnen nicht in den üblen Ruf des Besser-wissen wollens geraten. Mit meine Aufgabe war ja eine Korrektur, nicht eine Recension.

Was nun die finanzielle Seite unserer Angelegenheit betrifft, so schlug ich Ihnen bereits vor, meine Arbeitsstunde etwas mit 2,-M auszusetzen. Ich hörte, dass Sie kein [onleesbaar] seien, hoffe damit aber eine plausible Grundlage der Einigung vorgeschlagen zu haben? Meine Porto anslagen betrugen ca. 3,-M, da ich bei der 1. Sendung den Boten ein Trinkgeld geben müsste, um Sie nach Braunlage bringen zu lassen. Dürfte ich Sie nach [onleesbaar] Druck auch um 1 Exemplar Ihres Buches bitten?

Ich bitte noch um eine Auskunft: ich sammle nämlich Äusserungen von Auslandern über die deutsche Schriftfrage. Bei uns werden ja bekanntlich Fraktur und Antiqua noch nebeneinander gebraucht, auch in der Schreibschrift haben wir 2 Arten. Da Sie viel deutsche Literatur gelesen haben, teilen Sie mir doch bitte Ihre Meinungen und Erfahrungen in dieser Hinsicht mit. Wird bei deutscher Literatur, genauer bei specifisch wissenschaftlicher Literatur ins Ausland der Druck in Fraktur als störend empfinden? Wie beurteilen Sie die Wichtigkeit dieser Frage hinsichtlich des Kennenlernens der Völker? Ich wäre Ihren für eine möglichst detaillierte [onleesbaar] und eine Mitteilung Ihrer privaten Erfahrungen auf diesem Gebiet zu grossem Dank verpflichtet. Bei uns wird neuerdings auch die Ansich vertreten, dass die Fraktur speciall für die deutsche Sprache geeignetes sei, da sie der leichteren lesbarkeit und Verdeutlichung unserer oft komplicierten Wortbilder und Wortzusammensetzungen (z.B. Schlussstein = [onleesbaar]) dienlich sei. Wie waren Ihre Erfahrungen in dieser Hinsicht?

Mit dem besten Grüssen

Ihr sehr ergebener

Carl Wehmer

 

Origineel: Den Haag, Letterkundig Museum

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